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Idee

BAZOOKA TRIFFT MALEWITSCH – Von Holz in Form einer Waffe hin zur konstruktivistischen Skulptur

In den Pausen arbeiten einige Schüler*innen mit Holz und entdecken dabei, dass sich abstrakte Holzwaffen durch senkrecht aufeinandergesetzte Holzteile leicht konstruieren lassen. Über einige Wochen hinweg kommen vor allem Jungs, um den Freiraum des Ateliers zu nutzen.

Das Projekt entsteht durch das Aufgreifen der Ideen und Interessen der Schüler*innen und entwickelt sich im Prozess kontinuierlich weiter. Neben dem spielerischen Erlernen einfacher Holzverbindungen und des kollektiven Baus einer konstruktivistischen Skulptur geht es in dem Projekt um eine intensive Reflexion der Inhalte.

Hier zeigt sich, wie ein unaufgeräumter Raum neue Projektideen hervorbringen kann…

Im Atelier an der ACG lag viel Holz. Diverse Holzlatten, Bretter, Stäbe. Die dazugehörigen Werkzeuge: Säge, Akkuschrauber, Feilen etc. lagen auch immer sichtbar in der Nähe. Wochen vorher baute ich aus Holz die Dance- und Blackbox. Die Kids halfen mir immer wieder dabei. Sie sägten und schraubten mit. In den Pausen kamen dadurch viele Jungs ins Atelier. Alle wollten etwas machen – aber bloß nicht zeichnen. Das Sägen und Bohren, vor allem mit dem Akkubohrer, der wie eine Pistole aussah, war für sie das Größte. Sie schlenderten durch das Atelier, nahmen Material und Werkzeuge in die Hand. Irgendwann hat jemand angefangen, einfache Konstruktionen aus dem Holz zu machen und da war die erste L-förmige Bazooka geboren. Vorsicht war erst mal angesagt. ‚Dürfen wir hier eigentlich Waffen bauen?‘, fragten die Jungen.
Magdalena von Rudy, Künstlerin

Was machen wir hier und warum?

So kommt es dazu, dass die Schüler*innen mit Hilfe von Säge, Bohrer und Dübel schlichte Holzverbindungen bauen, die an verschiedene Waffen erinnern. Unter der Auflage, dass die Holz-Waffen das Atelier nicht verlassen, arbeiten vor allem die Jungs nun in ihren gesamten Pausen sehr konzentriert mit den Werkzeugen und Holzlatten.

Im Atelier herrscht ein gewisser Freiraum. Hier sind Dinge möglich, die in der Schule sonst so nicht denkbar sind. Wichtig hierbei ist die intensive Reflexion über die Themen. Was machen wir hier und warum? Was ist das für ein Gegenstand? Was bedeutet er? Die Kunst lädt dazu ein, zu provozieren und zu irritieren. Irritationen machen wach und regen zum Nachdenken an, sie bleiben in Erinnerung und erzeugen häufig Emotionen.

Das Projekt entstand aus einer für Schulverhältnisse provokanten Haltung: Hier im Atelier darfst Du etwas machen, was Du in der Schule eigentlich nicht machen darfst. Hier ist eine Insel, hier gelten andere Regeln. Ich erlaube, Waffen zu bauen, aber dabei bleibt es nicht! Und das ist wichtig. Man muss die Schüler*innen wahrhaftig begleiten, nicht nur ermöglichen und sich entziehen, sondern das, was sie machen reflektieren, hinterfragen, weiterentwickeln und dadurch einen neuen Umgang herstellen [...]. Eigentlich geht es hier nicht um Holzkonstruktionen sondern um den Impuls, aus sich heraus etwas zu machen. Sich für etwas entscheiden und dafür nicht direkt kritisiert werden. Einen Raum zu bekommen, um das zu verwirklichen.
Magdalena von Rudy, Künstlerin

Inwiefern werden zunächst irritierende Momente als Vermittlungsmomente künstlerischer Prozesse einbezogen?

Kunst und künstlerische Prozesse erzeugen Resonanz und können Differenzen und Irritationen zum bisherigen Erfahrungs- und Vorstellungshorizont erzeugen. Durch Brüche und Zufälle im Ablauf werden Zustände des Verunsichert-Seins hergestellt. In der künstlerischen Bildung stellen bewusst inszenierte Irritationen, Verunsicherungen und Widersprüche bildungswirksame Momente in den künstlerischen Prozessen dar. Irritationen und Differenzerleben haben eine grundlegende Bedeutung für Lern- und Bildungsprozesse, insbesondere in Hinblick auf ästhetische Erfahrungsmomente.

Zwischendurch lagen die Bazookas in wirren Assemblagen auf dem Boden, wirkten sehr grafisch und erinnerten an Werke von Malewitsch. Und da war die Idee geboren: Die einzelnen Bazookas sollten als Teile einer Raumkonstruktion verwendet werden, die jedoch nicht verschraubt und nicht geleimt werden darf. Die einzelnen 'Waffen' waren wie Puzzleteile, die man beliebig zusammenstecken kann.
Magdalena von RudyMagdalena von Rudy, Künstlerin

Inwiefern können individuelles und kooperatives Arbeiten sinnvoll kombiniert werden?

Kooperative Arbeitsformen (Gemeinschaftsarbeit, sich miteinander austauschen, Partnerarbeit, Gruppenarbeit etc.) dienen dem gegenseitigen Austausch von Erfahrungen und der gegenseitigen Hilfe. Neben einer eingehenden vertieften individuellen Auseinandersetzung mit den Inhalten regt der gemeinsame Austausch zu einem vertieften Nach- und Weiterdenken an.

Das individuell-kollektive Arbeiten versucht durch die Kombination von individualisiertem und kooperativem Lernen die Vorzüge beider Arbeitsweisen zu vereinen. Kooperatives Arbeiten soll explizit auf einzelnen Ergebnissen aufbauen, ohne die das Gesamtprodukt nicht fertiggestellt werden kann. Dies ermöglicht einen Prozess, der die soziale Zusammenarbeit fördert. Zugleich wird durch angemessene Aufgabenzuweisung, die sich an den Fähigkeiten und dem Vorwissen der einzelnen Schüler und Schülerinnen orientiert die individuelle Förderung gestärkt.

 

Holzkonstruktionen - Die Doku ("Hornbach-Werbung")

„Bazooka“ im Unterricht?

An der Sekundarschule Ennepetal überträgt die Künstlerin Magdalena von Rudy das Projekt Bazooka auf den Technikunterricht. In diesem Fall wird der Projektstart ganz anders aufgebaut: Am Beginn steht die Einführung in die Werkzeuge und einzelne Arbeitsschritte der Holzbearbeitung. Die Lehrerin Sarah Busse und die Künstlerin fragen die Schüler*innen: „Was kann man mit diesen Holzlatten bauen?“ Die Antworten der Schüler*innen sind an die Erwartungen und den schulischen Kontext angepasst: einen Stuhl, eine Leiter, ein Vogelhaus.

Die Ausgangssituation bei dem Bazooka-Projekt im Atelier war eine ganz andere:  Die Kinder kamen freiwillig und wollten sich beschäftigen. In allen Ecken lagen kleine Holzreste und die waren entscheidend für die Ideen der Kinder. In der „künstlichen Situation“ des Unterrichts gibt es keine Holzreste, alle Holzlatten sind gleich lang und liegen ordentlich nebeneinander.

Magdalena von Rudy erstellt mithilfe der Gehrungssäge eine simple 90-Grad-Verdübelung und fragt: „Wie sieht das aus? Was kann man damit alles bauen?“ Die erste etwas zögerliche Antwort ist: „Eine Pistole!?“ Und als die Kinder begreifen, dass sie aus den Latten alles bauen dürfen, auch Pistolen, gibt es diesen besonderen Moment: man sieht buchstäblich das Klingeln in ihren Gehirnen, die Pupillen weiten sich und ab dann sind sie nicht mehr zu halten. Sie wollen am liebsten direkt anfangen. Sogar die Mädchen wollen Bazookas bauen. Wobei Magdalena von Rudy noch mal betont, dass nicht zwingend Waffen gebaut werden müssen, sondern auch die zuvor genannten Gegenstände.

Das Prinzip ist einfach: Freiheit bei der Themenwahl, Regeln im Umgang mit Werkzeugen und Material.

Kontextinformation „Kriegsspielzeug“

Spielzeugwaffen und „Kriegsspielzeug“ werden von Eltern und Lehrkräften oft skeptisch betrachtet. Es gibt einen fließenden Übergang zwischen akzeptierten Spielinhalten (beispielsweise Wettkämpfe im Spiel) und umstrittenen Spielformen (beispielsweise Verwendung von Miniatur-Waffen). In der Regel haben Erwachsene bestimmte Vorstellungen von Spielinhalten, die in das Spielzeug hineininterpretiert werden – so gibt es schnell Assoziationen zu Krieg, Gewalt und Terror, wohingegen Kinder die Spielzeugwaffen, Attrappen und Gegenstände oft als reines Spielzeug betrachten.

„Der Besitz von Spielzeugwaffen verleiht Macht, Kraft und Autorität. Jedes Kind freut sich, ein Held, Soldat oder Ritter zu sein. In dieser Rolle hat es die Möglichkeit, in seiner Phantasie über sich selbst hinauszuwachsen. Es kann an der Welt der Erwachsenen teilhaben, zu der es sonst keinen Zugang hat. Dann gibt es auch noch das magische Element: Waffen stehen für übernatürliche Kräfte.“

Quelle: Warwitz (2015). Warum Friedensspiele umstritten sind.
Link zum Artikel: hier

Durch Verbote erscheinen die Spielzeugwaffen und Kampfspiele oft umso reizvoller. Die Alternative hierzu können klare Regeln und Grenzen sein: beispielsweise müssen die ‚Waffen‘ unbedingt als Spielzeug erkennbar sein; Kinder und Außenstehende, die nicht (mehr) mitspielen wollen, müssen umgehend in Frieden gelassen werden; kein Mensch und kein Tier darf Schaden nehmen; eventuell kann der Ort des Spiels begrenzt werden (Schulhof als sozialer Ort ist tabu etc.).

Das Projekt BAZOOKA ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie Schüler*innen sich im offenen Atelier inspirieren lassen und freie Einzelarbeiten in einen neuen Kontext transferiert werden.

Mehr Informationen und Projekte zum Thema Offenes Arbeiten (im Atelier) :

 

 

 

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