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Idee
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Idee

Individuelle Potenziale fördern: Singer-Songwriter-Projekte

Wer langfristig mit Kindern und Jugendlichen arbeiten möchte, muss auf die persönlichen Interessen und Stärken der Schüler*innen eingehen. Das ist in einem Klassenverband manchmal nicht möglich, besonders bei Persönlichkeiten/Menschen/Jugendlichen/Schüler*innen.

Deswegen nimmt in allen Programmen des Zukunftslabors die Eins-zu-eins-Betreuung einen wichtigen Platz ein – mithilfe von externen Künstler*innen und Pädagog*innen, die die Lehrkräfte dabei unterstützen. Da die Interessen und Fähigkeiten der Schüler*innen im Mittelpunkt stehen sollen, ist ein Singer-Songwriter-Format besonders zu empfehlen.

Dieses Format wird an der Gesamtschule Bremen-Ost erfolgreich und regelmäßig umgesetzt: Jugendliche werden hier bei der Erarbeitung von eigenen Musikbeiträgen unterstützt.
In Singer-Songwriter-Workshops mit externen Künstler*innen oder im Leistungskurs mit Musikfachlehrer*innen realisieren sie unter Anleitung eigene Lieder, die aufgeführt werden – begleitet vom Orchester oder einzelnen Musiker*innen.

Warum gerade Songwriting-Projekte?

Das Zukunftslabor versteht Musik als Medium, um einzelne Akteur*innen in ihrer individuellen Entwicklung zu fördern. Im Fokus stehen Konzentration, Ernsthaftigkeit, Leidenschaft und Hingabe, noch vor technischen und instrumentalen Fähigkeiten. Denn gerade wenn Schüler*innen kein Instrument lernen, bieten niederschwellige Formate wie Songwriting-Projekte ihnen die Möglichkeit, auf künstlerische Weise ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

Die Inhalte kommen dabei vor allem von den Jugendlichen selbst. Bei der Ausarbeitung, der Form und besonders beim Arrangement werden sie von Profis unterstützt, die die Ideen aufnehmen und deren Weiterentwicklung so unterstützen, dass am Ende ein Beitrag entsteht, der bewegt und berührt.

Diese Form des Singing-Songwriting ist deswegen so zentral für die Partnerschaft von Schule und Orchester, weil die Musiker*innen einen Schritt in Richtung der Schüler*innen tun:
„Was bewegt dich? Was berührt dich? Wir als Orchester glauben, dass du etwas Wichtiges zu sagen hast!“

Raum für die Ideen und Themen der Jugendlichen – Künstler*innen berichten

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Durchführung

Wie laufen die Aktivitäten ab?

Für alle Schüler*innen der Gesamtschule Bremen-Ost existiert das regelmäßige Angebot, in Eins-zu-eins-Betreuung etwas Eigenes zu erarbeiten. Dies ist auf verschiedene Weise möglich, beispielsweise durch Coaching in Vorbereitung einer Solo-Rolle bei der Stadtteil-Oper oder im Musikunterricht mit den Fachlehrer*innen.

Die intensivste Form dieser individuellen Arbeit sind Singer-Songwriter-Formate, zum Beispiel innerhalb der Showreihe „Melodie des Lebens“ oder des Musik-Leistungskurses, wo häufig an Band-Projekten gearbeitet wird. Hier können Jugendliche eigene Songs entwickeln, die dann gemeinsam mit dem Orchester aufgeführt werden. Im Mittelpunkt stehen die Lebenswelten der Jugendlichen. Auch ihre musikalischen Vorlieben werden ernst genommen. Neben verschiedensten Stilistiken eignen sich beispielsweise auch Rap-, Beatbox- oder reine Instrumentalstücke für das gemeinsame Musizieren mit Orchester, wenn sie entsprechend arrangiert werden. Vorkenntnisse müssen die jungen Teilnehmenden kaum mitbringen, es genügt der Mut, eine eigene Geschichte zu erzählen.

Wichtig: Die Jugendlichen entscheiden in ihrer Schullaufbahn stets selbst, wann und ob der richtige Zeitpunkt für sie ist, zum Singer-Songwriter zu werden.

Schritt für Schritt von der Idee zum gemeinsamen Song mit dem Profi-Orchester

Die Show-Reihe als regelmäßiges Angebot

Neben der individuellen Arbeit im Musikunterricht und in Vorbereitung auf die Stadtteil-Oper hat es sich im Zukunftslabor sehr bewährt, ein Singer-Songwriting-Format als dauerhaftes Angebot zu etablieren.

In der „Melodie des Lebens“, einer Veranstaltungsreihe unter der künstlerischen Leitung des Komponisten Mark Scheibe, werden die Jugendlichen nicht nur kontinuierlich während ihres Schulalltags gecoacht, sie bekommen auch regelmäßig die Gelegenheit, ihre Songs begleitet vom Profi-Orchester einem größeren Publikum zu präsentieren.

So können sich alle Schüler*innen individuell und zu einem für sie passenden Zeitpunkt für eine Teilnahme entscheiden. – Und die Partnerschaft mit dem Profi-Orchester wird auf besondere Weise erlebbar und sichtbar gemacht.

Nicht überall ist ein solch großformatiges Angebot realisierbar; es empfiehlt sich jedoch in jedem Fall, möglichst lang angelegte Projekte einzurichten, Profi-Musiker*innen hinzuzuziehen und den Schüler*innen mit ihren eigenen Themen eine Bühne zu geben.

So können sich die Songs von Schüler*innen mit Profi-Orchester dann zum Beispiel anhören:

Friederike Sengteller – Himmel und ich
Pelin Sari und Jülide Uluisik – Yin und Yan – Ohne dich fehlt was

Noten zu den Stücken finden Sie im 4. Kapitel unter „Material zum Download“.

Wie wird die Eins-zu-eins-Betreuung in den Schulalltag integriert?

Der normale Schulalltag scheint nur wenig Freiräume für die Arbeit mit einzelnen Schüler*innen zu bieten. Möglichkeiten gibt es jedoch – und es ist vor allem eine Frage der Einstellung von Seiten der Schulleitung oder zuständiger Lehrkräfte, diese zu suchen und zu finden.

An der Gesamtschule Bremen-Ost werden alle Schüler*innen, die an einem Singing-Songwriting-Projekt teilnehmen möchten, für diese Zeitfenster vom Unterricht befreit. Alle Aktivitäten finden während der Schulzeiten statt. Die Klassenlehrkräfte sind dafür verantwortlich, dass keine dringlich relevanten Stunden in Anspruch genommen werden. Die Jugendlichen profitieren von der Teilnahme an den Projekten in einer Art und Weise, die es dem Kollegium leicht macht, diese Ausnahmen zuzulassen.

Wie lässt sich die individuelle Arbeit mit dem Orchester zusammenführen?

Eine Stärke von klassisch ausgebildeten Musiker*innen ist, dass sie klanglich das umsetzen können, was in ihren Noten geschrieben steht. Im Gegenzug kann es passieren, dass sie stark auf diese Noten angewiesen sind und sich erst in der Lage fühlen, mit einzusteigen, wenn Notenmaterial vorliegt. In jedem Orchester oder Ensemble wird es jedoch sicherlich Musiker*innen geben, die arrangieren können, die gerne improvisieren oder sogar komponieren. Ist dies nicht der Fall, ist ein solches Projekt eine wunderbare Gelegenheit, damit anzufangen.

Wenn ein Song entsteht, ist Fingerspitzengefühl und auch Kooperation gefragt – oftmals sind Texter*in und Komponist*in gleichermaßen beteiligt und ergänzen sich gegenseitig. Wenn Schüler*innen Textentwürfe entwickeln, können Musiker*innen sicherlich etwas zum Rhythmus, zu der passenden Anzahl der Silben und der Betonung sagen, noch bevor überhaupt eine Melodie existiert. Schritt für Schritt können sich die Beteiligten ergänzen – und im Idealfall gibt es eine Musiklehrkraft beziehungsweise eine Kollegin oder einen Kollegen, die/der sich mit populärer Musik besser auskennt als die „klassischen“ Musiker*innen!

Was ist beim Arrangieren von Schüler*innen-Songs für die Profi-Orchesterbesetzung zu beachten?

Ein Text, einige Akkorde, eine Melodie – oftmals sind die Ideen der Schüler*innen zwar erkennbar, aber noch nicht in einer Form, in die das Orchester gleich mit einsteigen könnte. Damit die Songs der Jugendlichen tatsächlich von einem Ensemble oder einem Orchester gespielt werden können, müssen sie so vorbereitet werden, dass die Musiker*innen wissen, was zu tun ist. Im Falle eines klassischen Sinfonieorchesters bedeutet das: jedes Instrument, das beteiligt ist, bekommt eine Stimme. Ziel der Bearbeitungen: die Musiker*innen langweilen sich nicht, sondern unterstützen die Sänger*innen klanglich – und treten in einigen Momenten auch selbst in den Vordergrund. Zwei Profis geben Tipps für die Arbeit an den Arrangements:
Und dann trifft der/die einzelne Schüler*in auf die Profi-Musiker*innen...
Auf der Bühne sind alle gleich – Schüler*innen und Orchestermusiker*innen werden bei der Probe zu Kolleg*innen

Welche Schüler*innen nehmen am Programm teil und warum?

Viele Schüler*innen brennen darauf, ihre eigenen Ideen verwirklichen und selbst auf der Bühne stehen zu können. Andere scheinen davon zunächst meilenweit entfernt zu sein. Durch die richtige Ermutigung, Unterstützung und vor allem langfristige Zusammenarbeit mit den Musiker*innen und Lehrkräften können sie Vertrauen fassen und Schritt für Schritt über sich hinauswachsen – sei es durch eine Rolle in der Stadtteil-Oper oder durch einen Auftritt mit ihrem eigenen Song auf der Bühne, gemeinsam mit den Musiker*innen der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.

Was motiviert Schüler*innen, eigene Songs zu schreiben und damit künstlerisch aktiv zu werden? Und wie wird ausgewählt, wer am Ende wirklich auf der Bühne landet?
Für mich als Lehrerin einer Inklusionsklasse war es eine große Freude zu sehen, dass einige meiner Schüler sich selbstständig dazu entschlossen haben, bei der „Melodie des Lebens“ mitzumachen. Sie hatten zunächst durch unsere Mitwirkung in der Stadtteil-Oper und im Club 443 Hz Vertrauen gefasst und sich dann für die Show gemeldet. Das ist ja eine besondere Herausforderung – ohne Klasse, nur eine Gruppe von drei Schülerinnen, und ohne mich als Lehrerin. Sie haben sich also wirklich getraut, so ein Projekt mit Fremden zu machen und selbstständig mit einem eigenen Song auf die Bühne zu gehen.
Deike Wursthorn, Sonderpädagogin und Lehrerin einer Inklusionsklasse an der Gesamtschule Bremen-Ost
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Übertragbarkeit

Wie können Sie ein ähnliches Projekt initiieren?

Singer-Songwriter-Formate bieten sich besonders gut an, wenn einzelne Schüler*innen entweder Interesse an musikalischer Arbeit haben oder aber besondere Betreuung und Aufmerksamkeit brauchen. Es muss nicht gleich gesungen und komponiert werden, vielleicht geht es anfangs „nur“ um die Texte. Die Schüler*innen können in jedem Fall mit etwas beginnen, das ihnen vertraut ist. Vielleicht ist das zunächst auch nur ein Thema oder eine Erinnerung aus dem Alltag. Wenn Profis die Jugendlichen darin unterstützen, ihre Texte zu entwickeln, auf die Bühne zu bringen und gemeinsam aufzuführen, ist Gänsehaut nahezu garantiert.

Besonders an diesem Format ist vor allem die Kooperation mit externen Musiker*innen. Dies ist in den allermeisten Fällen auch mit Kosten verbunden.
Deswegen gilt:
Welche naheliegenden Möglichkeiten der Zusammenarbeit gibt es bereits?
Was sind die Stärken des eigenen Kollegiums?

Wissenswertes für Lehrkräfte, die ein ähnliches Projekt initiieren möchten:

 

 

Ja.
In jedem Fall muss die Schulleitung und im besten Fall die Mehrheit des Kollegiums die Idee unterstützen, dass einzelne Schüler*innen ca. einmal im Monat für 2–3 Schulstunden vom regulären Unterricht befreit werden. Es hat sich außerdem bewährt, dass neben den Schüler*innen auch Lehrkräfte auftreten und beispielsweise ein gemeinsames Stück mit der „Lehrerband“ spielen. Diese Durchmischung, das gemeinsame Auf-der-Bühne-Stehen von Lehrkräften und Schüler*innen, sollte von allen angestrebt werden.

Professionelle Musiker*innen müssen bezahlt werden – ob Instrumentalpädagog*innen oder Orchestermusiker*innen.
Honorare variieren dabei stark und sollten bei ausgebildeten Fachkräften in keinem Fall unter 40 €/45 Minuten liegen. Für die Finanzierung bieten sich lokale Initiativen an (Schulvereine), aber auch gezielte Förderprogramme. Hilfe bei der Suche bietet die Stiftungssuche.

Auch das formatübergreifende Merkblatt Finanzierung durch Drittmittel – Chancen und Möglichkeiten kann hier Hilfestellung bieten.

Wenn man die richtigen Menschen vor Ort hat, die sich in diesem Bereich engagieren möchten und können, müssen nicht unbedingt Kosten entstehen.
Es bleibt aber in jedem Fall ein zusätzlicher Aufwand, sowohl für die Betreuung und Arbeit mit den Schüler*innen als auch die Vorbereitung und Durchführung der Aufführung.

Hier gibt es zwei Dinge zu beachten: die Workshop-Phase und die Aufführung.
Die Workshops können von einer einzigen Person geleitet werden, für die Aufführung ist es jedoch viel schöner, wenn einige Profis zu einem kleinen Ensemble zusammenkommen.

Es gibt im Internet sehr viele Video-Tutorials. Kurse und Fortbildungen werden regelmäßig deutschlandweit angeboten. Auch die Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen bietet Kurse an.

Mark Scheibe, künstlerischer Leiter der „Melodie des Lebens“ richtet zudem auf seiner Webseite einen Blog mit Tipps und Inspirationen für das Komponieren und Arrangieren mit Jugendlichen und Profi-Musiker*innen ein.

Die Schüler*innen sollten 5–6 Monate Zeit haben, ihre Ideen zu entwickeln und sich vorzubereiten. Einmal monatlich mindestens sollten sie die Möglichkeit bekommen, mit einem/einer Musiker*in zu arbeiten. In der Woche vor der Aufführung findet jeden Tag eine kleine Probe statt.

Ja.
Das Allerwichtigste ist, dass die Ideen der Schüler*innen tatsächlich gewertschätzt werden können, indem ihre Songs gemeinsam mit Musiker*innen auf einer Bühne dargeboten werden. Die Verantwortung, dass die Aufführung ein Erfolg wird, liegt bei den Musiker*innen. Die Schüler*innen werden nicht gedrängt, etwas zu tun, was sie überfordert – alles findet in einem Rahmen statt, der realistisch ist. Dennoch lernen die Schüler*innen während dieses Prozesses ganz automatisch, dass es möglich ist, über sich hinauszuwachsen.

Und wenn ein*e Schüler*in für den Auftritt noch etwas mehr Vorbereitungszeit braucht, bevor er/sie auftreten kann, war die bisher geleistete Arbeit am eigenen Song nicht umsonst! Die nächste Show folgt im Idealfall in absehbarer Zeit.

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Material

Material zum Download

Hier finden Sie neben dem formatübergreifenden Leitfaden zur Finanzierung von Projekten Stückbeispiele mit Notenmaterial, die sich für Singer-Songwriter-Projekte gemeinsam mit klassischen Musiker*innen eignen. Neben den beiden oben erwähnten Stückbeispielen aus der Showreihe „Melodie des Lebens“, sind dies zwei Stückbeispiele mit Noten, die im Rahmen des Musik-Leistungskurses an der Gesamtschule Bremen-Ost entstanden sind.

Die Notenpakete enthalten jeweils:

  1. Eine Gesamtpartitur des Stücks
  2. Ein Leadsheet, das die Singstimme und eine Klavierbegleitung beinhaltet (in Einzelfällen muss dies aus der Gesamtpartitur herausgelesen werden)
  3. Die Einzelstimmen für das begleitende Profi-Ensemble oder -Orchester

… und wie kann man mit den Methoden des Klassenmusizierens und der Eins-zu-eins-Arbeit über die Schule hinaus aktiv werden und Menschen und Einrichtungen aus der Umgebung miteinbeziehen?

Dazu mehr unter „Arbeiten im sozialen Kontext“!

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Urheber: Jörg Sarbach

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