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Idee
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Idee

Partizipatives Theater: Wie die Beteiligung von Kindern im künstlerischen Prozess gelingen kann

„Schüler*innen lernen und Lehrer*innen lehren.“ – Was aber passiert, wenn diese Rollen getauscht werden – und Grundschüler*innen mit künstlerischen Mitteln einen Projekttag für die gesamte Schule gestalten?

Dieser Frage gingen eine Hamburger Grundschule und das Junge SchauSpielHaus Hamburg in ihrem dritten Kooperationsjahr nach. Sie erforschten, was Schüler*innen brauchen, um mit Lehrer*innen einen solchen künstlerischen Prozess zu gestalten und was es dabei bedeutet, auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten.

Wie ist die Idee entstanden?

Wir haben uns gefragt, ob es möglich ist, in Schulen künstlerische Freiräume zu schaffen, in denen Kinder mehr Verantwortung übernehmen und mit Erwachsenen gemeinsam Theater machen. Und wie es gelingt, dass Erwachsene die Ideen der Kinder wirklich ernst nehmen. Wir wollten die Machtstrukturen in der Schule und im Theater hinterfragen.
Anneke Naumann, Theaterlehrerin / Nicole Dietz, Theaterpädagogin
Theater auf Augenhöhe heißt für mich, selber Fragen stellen zu dürfen, nicht immer sofort einen Plan dafür zu haben, wie etwas künstlerisch visualisiert wird. Außerdem geht es darum, voneinander zu lernen, den Kindern mit Respekt zu begegnen und selber zu merken: ich darf ja auch was lernen, ich weiß ja auch nicht immer alles.
Rabea Schubert, freie Theaterpädagogin

Was war den Schüler*innen am Prozess wichtig?

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Durchführung

Zwischen Anleitung und Freiheit – Spannungsfelder in partizipativen Prozessen

Im Rahmen des Theaterprojekts stellte sich das Team folgende Fragen:

  • Wie gestaltet man einen partizipativen Prozess?
  • Wie gelingt es, einen solchen partizipativen Prozess sichtbar zu machen?
  • Welcher Grad der Beteiligung ist realistisch?
  • Wie gelingt es, mit künstlerischen Methoden Inhalte zu vertiefen?
  • Was gibt Sicherheit in einem partizipativen Prozess?
  • Welche Bedeutung hat das Endprodukt?

Eine Frage, die sich wie ein Querschnitt durch alle Projektphasen zog, lautete:

  • Wie gelingt das Zusammenarbeiten auf Augenhöhe zwischen Kindern und Erwachsenen in einem partizipativen Prozess?

Das Prinzip der Augenhöhe versuchte das Team bereits in der Gestaltung des Prozesses zu verankern …

Wie gestaltet man einen partizipativen Prozess?

Ein Überblick über die fünf Projektphasen und die Schritte der Prozessdokumentation für die Schulgemeinschaft, durch die das Projekt erst möglich wurde

In dem modernen Märchen „In einem tiefen dunklen Wald“ von Paul Maar geht es darum, dass alles einmal auf den Kopf gestellt ist: Untiere entpuppen sich als Vegetarier und Prinzen als Prinzessinnen.

Dieses Motto sollte auch für das schuleigene Theaterprojekt gelten: Die Kinder wurden zu Ideenentwickler*innen, die Lehrkräfte waren Mitdenker*innen.
Zentrale Entscheidungen wurden gemeinsam getroffen.

Da klar war, dass nicht alle Schüler*innen das ganze Jahr an einem Theaterprojekt arbeiten konnten und wollten, wurden in einem demokratischen Prozess unter allen Kindern der 2. bis 4. Klasse zwölf sogenannte Abgeordnete gewählt.

Diese Abgeordneten nahmen stellvertretend für alle Kinder am Projekt teil.

In theatralen Workshops und Probenbesuchen, für die sie vom Unterricht befreit waren, wurden diese Abgeordneten auf ihre besondere Rolle als Expert*innen für das Stück vorbereitet. Die Kinder gaben Rückmeldung zu den Proben und setzten sich damit auseinander, was für sie zentrale Inhalte des Stückes sind.

Sie diskutierten über die Rolle der Prinzen und Prinzessinnen und spielten ihre Lieblingsszenen nach. Dann entwickelten sie erste Ideen für den Projekttag, wie beispielsweise den Bau eines Riesenmonsters oder die Entwicklung eines alternativen Endes. Unterstützt wurden sie in dem gesamten Prozess von einer Theaterpädagogin und einer Theaterlehrerin.

Im zweiten Teil trafen die Schüler*innenabgeordneten mit ausgewählten Lehrkräften aus dem Kollegium der Schule zusammen, um gemeinsam an ihren Ideen weiterzuarbeiten. Die zentrale Regel für die Zusammenarbeit lautete: Keiner hat mehr oder weniger Macht, weil er oder sie älter ist.
Über gemeinsame Theaterübungen entstand ein besonderer Raum in der Schule, der dann mit Ideen gefüllt wurde. Die Schüler*innen waren dabei die Impulsgeber*innen.

Um die vielfältigen Ideen zu rahmen, entwickelte das Projektteam die Idee der Festspiele der vier Königreiche. Im Rahmen dieser Festspiele wurden dann vier Projektideen zur Aufführung gebracht.

Für mich ist es in der Schule immer ein besonderer Moment, Schüler*innen in so ein Projekt hineinzuholen. Dafür ist insbesondere in der Grundschule wichtig, dass die Eltern den Prozess vorbehaltlos unterstützen.
Im Laufe des Projektes haben die Kinder auch immer mal wieder im Unterricht gefehlt, da brauchte es die Zustimmung und eine positive Haltung der Eltern.
Anneke Naumann, Theaterlehrerin an der Grundschule Bahrenfelder Straße

Wie gelingt es, partizipative Prozesse sichtbar zu machen?

In der 1. Projektphase wurden Kinder zu Expert*innen …

Was uns beiden im Prozess sehr wichtig war, war der bewusste Umgang mit Sprache. Es macht einen Unterschied, ob man eine Veranstaltung Kinderkonferenz oder Experten- beziehungsweise Abgeordnetenkonferenz nennt. Eine Kinderkonferenz nimmt man nicht so wichtig. Das ist auch eine Machtfrage.
Anneke Naumann, Theaterlehrerin

1. Zu Beginn des Projekts wählten die Kinder Abgeordnete

Für das Agieren auf Augenhöhe mit den Erwachsenen brauchten die Kinder einiges an Mut und eine Legitimation für ihr Handeln.

Die Idee des Teams bestand deshalb darin, die gesamte Schülerschaft selbst bestimmen zu lassen, welche Kinder als abgeordnete Expert*innen an dem Projekt teilnehmen und die Belange der jeweiligen Klasse in den Expertenkonferenzen vertreten.
Als Hilfestellung für die Wahl der Abgeordneten gab es für die Klassen einen kleinen Kriterienkatalog, der den Schüler*innen als Orientierung für die Wahl diente. Gemeinsam mit den Klassenlehrer*innen wählten alle Klassen ihre Abgeordneten.

Im Rahmen der Wahl wurde das Projekt in der ganzen Schule einmal vorgestellt und die Schülerschaft neugierig gemacht auf die Möglichkeiten der Mitbestimmung.

2. Die öffentliche Zeremonie zur Ernennung der Expert*innen

Um die Expert*innen auch noch einmal offiziell zu ermächtigen, fand gemeinsam mit der Schulleiterin eine Zeremonie in der Pausenhalle statt, bei der allen Abgeordneten Schleifen verliehen wurden, die sie mit großem Stolz auch bei ihren anderen Auftritten getragen haben. Für die Kinder war das ein großer Moment und sie hatten nach der Verleihung wirklich das Gefühl, sie sind jetzt offiziell anerkannt als „die Abgeordneten“.

3. Formate zur Dokumentation des Prozesses

Ein wichtiges Thema, um die Spannung im Prozess aufrecht zu erhalten und alle an der Schule mitzunehmen, war die Kommunikation in die Schule hinein. Diese Kommunikation zielte darauf ab, die Arbeit der Kinder sichtbar zu machen, damit sie in ihrem Expertentum auch wahr- und im weiteren Projektverlauf ernst genommen wurden. Die Dokumentationsformen mussten dabei sowohl für Kinder als auch für Erwachsene funktionieren.

Folgende Formate erwiesen sich beim Sichtbarmachen der Zwischenschritte im längeren Prozess als geeignet und hilfreich:

  • eine Fragensammlung der Schüler*innen, Bildplakate und Collagen, die in der Pausenhalle ausgestellt wurden
  • ein regelmäßig aktualisierter Ablaufplan mit den Prozessschritten, der vor dem Eingang des Lehrerzimmers hing
  • Berichte der Abgeordneten in ihren Klassen
  • das Veranstalten einer Gesamtkonferenz aller Lehrer*innen mit Berichten der Abgeordneten und gezeigten Filmausschnitten aus dem Prozess
  • das Versenden von Elternbriefen durch die Lehrer*innen
  • das Führen von Projekttagebüchern durch die Abgeordneten

Welcher Grad der Beteiligung durch die Kinder ist realistisch?

In der 2. Phase nahmen die Kinder am Entstehungsprozess eines Theaterstücks teil …

Obwohl wir ein Kinder- und Jugendtheater sind, war es auch für unser Haus nicht selbstverständlich, den Kindern so früh Einblick in unseren Probenprozess zu geben. Mir war es wichtig, dass unser Dramaturg und die Regisseurin vorab wussten, worum es bei diesem Projekt geht und ich habe sie deshalb auf den Besuch vorbereitet. Sie sollten die Kinder als Expert*innen wahrnehmen und ihre Sicht auf das Stück auch für ihre eigene Arbeit nutzen. Das führte dazu, dass die Kinder nach der Probe direkt angesprochen und nach ihrer Meinung zu einzelnen Elementen des Stückes befragt wurden.
Nicole Dietz, Theaterpädagogin am JungenSchauspielHaus Hamburg

Um den Kindern einen kleinen Vorsprung im Prozess zu geben und damit das Erfahrungswissen der Erwachsenen in Bezug auf die Projektarbeit etwas auszugleichen, bekamen die Abgeordneten einen exklusiven Einblick in die Probenphasen zum Theaterstück „In einem tiefen, dunklen Wald am JungenSchauspielHaus Hamburg.

Sie nahmen an zwei Proben in unterschiedlichen Entwicklungsphasen des Stückes teil und brachten ihre Ideen in den Probenprozess mit ein. Dadurch wurden sie sehr früh dazu angeregt, sich mit dem Stück auseinanderzusetzen und dieses Wissen auch in die Schule zu tragen. Zur Premiere des Stückes, die dann von der gesamten Schule besucht wurde, hatten sie bereits einen guten Einblick in die Ästhetik, das Bühnenbild und die wichtigen Fragen, die auf der Bühne verhandelt wurden.

Spielerisch herausfordern

Bei der Themenfindung war die Übernahme von Verantwortung ein wichtiges Thema. Es stellte sich aber heraus, dass einige der Abgeordneten doch noch sehr klein waren und erst einmal Zeit brauchten, überhaupt mit älteren Schüler*innen zusammenzuarbeiten. Sie waren sehr schüchtern und bevor ein Dialog entstehen konnte, mussten sie lernen, laut vor anderen zu sprechen. Ein gutes Element zur Gruppenfindung und zur Stärkung der jüngeren Schüler*innen war das gemeinsame Spiel.

Das Erspielen einzelner Elemente des Stückes, wie beispielsweise des Waldes oder der Charaktere, ermöglichte es den Kindern zudem, die Inhalte noch einmal anders zu begreifen. Eine wichtige Frage in diesem Prozess lautete: Was interessiert die Kinder und gefällt ihnen so gut, dass etwas Neues daraus entstehen kann?

Die daraufhin genannten Szenen sprachen die Kinder vor allem ästhetisch an, sie waren lustig und die Kostüme waren überzeugend.

Um die Augenhöhe im Prozess herzustellen, mussten wir uns als Projektteam auch mit unseren eigenen Gedankenmustern auseinandersetzen. Geprägt durch unsere Institutionen haben wir uns viel mit dem Verhältnis von Kunst und Pädagogik auseinandergesetzt. Die Beteiligung der Kinder als künstlerischen Prozess zu begreifen, hat uns bei der Überwindung der Kategorien sehr geholfen. In diesem Prozess sind künstlerische und pädagogische Arbeitsweisen in besonderer Weise miteinander verwoben, so dass wir beide immer sowohl als Pädagoginnen als auch als Künstlerinnen gefragt waren.
Nicole Dietz, Theaterpädagogin

Wie gelingt es, mit künstlerischen Methoden Inhalte zu vertiefen?

In der 3. Phase erarbeiteten die Kinder inhaltliche Schwerpunkte für den Projekttag …

Vorbereitung: Kinder lernen, die eigenen Gedanken zu formulieren

Um die Kinder in eine erzählende Position zu bringen, bekamen sie den Auftrag, einen Brief an ihre Oma oder ihren Opa zu schreiben, in dem sie von ihren Lieblingsszenen berichteten.

Außerdem überlegten sie sich Fragen, die sie den vier Projektvertreter*innen der Lehrerschaft im ersten gemeinsamen Workshop bezüglich des Stückes stellen wollten. Sie fragten auch in ihren Klassen nach, was für ihre Mitschüler*innen im Stück unklar geblieben war und was sie gerne über das Stück hinaus wissen wollten.

Die gesammelten Fragen wurden dann in der Pausenhalle ausgestellt. Als Fragende auf der Suche nach Antworten fiel es den Abgeordneten leichter, sich in ihrer Rolle zurechtzufinden.

Kinder erfahren durch das eigene Spiel die Inhalte neu

Die Aneignung des Stückes und die Entwicklung der Ideen erfolgte in Form von Workshops. In einem ersten Workshop nur für Schüler*innen stellten die Abgeordneten ihre Briefe und Bilder zum Stück den anderen Kindern vor. Dabei ging es vor allem darum, zu üben, wie man etwas erzählt. Dann wurden die Fragen gesammelt, die die Klassen an das Stück hatten.

Um noch tiefer in die Themen des Stückes einzusteigen, erspielten die Kinder den Inhalt des Stückes. Jeweils vier Kinder widmeten sich einer Szene, wobei eine*r die Rolle der Regisseurin beziehungsweise des Regisseurs übernahm. In einem ersten Schritt bauten die Schüler*innen Standbilder zu den Szenen. Aus der Auflösung der Standbilder heraus spielten sie dann die Szenen nach. Erst dann entwickelten sie erste Ideen für den Projekttag.

Die Schüler*innen brauchten anfänglich viel Zeit, um erst einmal zu verstehen, was sie sahen. Die Wahrnehmungsebene stand im Vordergrund.

  • Das Nachspielen der Szenen,
  • das Entwickeln eigener Spielideen
  • und die Auseinandersetzung mit Elementen des Stückes im Rahmen des Briefes an die Großeltern

… half den Kindern dann aber sehr dabei, für das Zusammentreffen mit den Lehrer*innen genug Selbstvertrauen zu entwickeln.

Einblicke in den Prozess: Der Weg der kleinen Schritte

Was gibt Sicherheit in einem partizipativen Prozess?

In der 4. Phase arbeiteten die Kinder und Lehrer*innen schließlich gemeinsam, was noch einmal neue Herausforderungen mit sich brachte …

Im Laufe des Projektes hatten wir das Gefühl, dass ein Raum, in dem Kinder und Erwachsene auf Augenhöhe agieren, ein anderes Raum-Zeit-Gefüge hat. Für uns als Erwachsene ging es in diesem Raum mitunter sehr langsam voran. Genauer betrachtet, bestand die Langsamkeit darin, dass es in Bezug auf die Gestaltung des Projekttages über einen längeren Zeitraum kaum konkrete Ergebnisse gab.
Anneke Naumann, Theaterlehrerin
Impressionen aus der gemeinsamen Arbeit im altersgemischten Team

Gemeinsam ins Spiel kommen und eine Gruppe werden

Das erste Aufeinandertreffen zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen fand in Form eines gemeinsamen Workshops statt. Das vordergründige Ziel war, Kinder und Erwachsene gemeinsam ins Spiel zu bringen. Die Annahme war, dass das gemeinsame Theaterspielen die festgeschriebenen Rollen von Beginn an infrage stellen und dadurch die Zusammenarbeit auf Augenhöhe erleichtern würde.

Um diesen Prozess zu unterstützen, führte das Team zudem eine Grundregel ein, die dann für den gesamten weiteren Verlauf galt und auf deren Einhaltung während der gemeinsamen Workshops sehr geachtet wurde: Keine*r hat mehr oder weniger Macht, weil er oder sie kleiner oder größer ist.

 

Im ersten Workshops ging es vor allem darum, die Gruppe in ein gemeinsames Spiel zu bringen. Die Teilnehmer*innen assoziierten Bewegungen und Geräusche zum Titel des Stückes „In einem tiefen dunklen Wald“. Daraus entstand ein gemeinsamer Geräuschwald mit Standbildern und passenden Tiergeräuschen.

Dann präsentierten die Schüler*innen ihre Fragen an das Stück, wie beispielsweise „Wo lebte der Prinz zuvor und wie kam es zu seiner Verzauberung?“ und befragten die Erwachsenen nach ihren Lieblingsszenen. In gemischten Teams wurde jeweils eine Szene nachgespielt.

Erst zum Ende stellten die Schüler*innen den Lehrer*innen ihre ersten Ideen für den Projekttag vor. Gemeinsam wurden diese kurz besprochen und durch einige Ideen der Lehrer*innen ergänzt.

Einen inhaltlichen Rahmen setzen und den Kindern innerhalb dieses Rahmens Verantwortung geben

Schnell wurde deutlich, dass es gute einzelne Ideen gab, aber ein verbindendes Element fehlte. Deshalb entschied sich das Projektteam dazu, eine erste Konzeptidee ihrerseits mit in das Projekt einzubringen: Die sogenannten „Festspiele der vier Königreiche“ waren als Stationenreise von der Schule bis zum Theater konzipiert und gaben der weiteren Arbeit eine Struktur. Im zweiten Workshop wurde diese Idee vorgestellt und die Vorschläge für die Gestaltung einzelner Stationen wurden weiter ausgeführt und in eine erste Reihenfolge gebracht.

In einem dritten Workshop ging es dann um die inhaltliche Gestaltung der Stationen. Dafür trafen sich die Abgeordneten mit den Theaterpädagoginnen noch einmal alleine und entwickelten, inspiriert durch Bilder aus dem Stück (wie beispielsweise die Sehnsuchtsinseln), noch einmal sehr freie, fantasievolle Ansätze. In diesen zeigten sich inhaltliche Schwerpunkte – viele zum Thema Tanz und Bewegung – aus denen heraus dann die konkreten Ideen für die Ausgestaltung der Stationen entwickelt wurden.

In einem vierten Workshop erfolgte die Überprüfung auf den logistischen Aufwand. An dieser Stelle prallten die Erfahrungswerte der Erwachsenen auf die Kreativität der Kinder. In einem für alle Beteiligten sehr intensiven Prozess entschied sich die Gruppe am Ende dafür, zwei der Ideen zu streichen. Andere Stationen wurden später weiterentwickelt oder miteinander kombiniert.

Welche Bedeutung hat das Produkt am Ende des partizipativen Prozesses?

Die 5. und letzte Phase des Projektprozesses widmete sich der Planung und Umsetzung des großen Projekttages …

Die Offenheit des Prozesses stellte hohe Anforderungen an die Flexibilität der Institutionen

Auch wenn am Ende ein Produkt stand, war der Prozess bis zur endgültigen Entscheidung über die Inhalte lange offen. Das stellte beide Organisationen vor große Herausforderungen. Bis etwa sechs Wochen vor Projektabschluss konnten keine verlässlichen Personal-, Raum- oder Unterrichtsplanungen erfolgen.

Beispielsweise wurde ein alternatives Ende für das Theaterstück geplant, bei dem Schauspieler*innen des Stückes gemeinsam mit Schüler*innen auf der Bühne stehen sollten. Für die Realisierung der Idee musste die Schule kurzfristig eine Projektwoche ansetzen und eine vierte Klasse samt Lehrerin freistellen. Das Theater änderte daraufhin seinen Probenplan, um die Bühne und die Technik zur Verfügung stellen zu können und organisierte eine freie Regisseurin, die das neue Ende mit den Schüler*innen entwickelte und einstudierte.

 

Die Organisation war sehr aufwendig
– aber am Ende wurde die ganze Schule bewegt

Die fünfte Phase wurde von zwei Abgeordneten eingeleitet, die auf der Lehrer*innenkonferenz die Ideen für den Projekttag vorstellten und von dem bisherigen Verlauf berichteten. Das war etwas völlig Neues, noch nie hatten Schüler*innen der Schule auf einer Konferenz vor dem gesamten Kollegium gesprochen.

In einem zweiten Schritt besuchten die Abgeordneten in Zweierteams alle Klassen und stellten auch dort die Ergebnisse des Prozesses und die nötigen Schritte zur Umsetzung der Ideen vor.

Zur weiteren Vorbereitung der Stationen fanden sich dann jeweils zwei Kinder und ein*e Lehrer*in, die das Grundsetting weiter entwickelten. Am Projekttag selber haben alle Klassen, angeleitet von den Abgeordneten, die Stationen in der Schule und am Theater durchwandert.

Die Arbeit wird für alle sichtbar und erfahrbar
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Übertragbarkeit

Alles eine Frage der Haltung? – Hilfestellungen für eigene partizipative Projekte

Kern dieses Projektes war das Spiel mit der Macht und den vom System zugewiesenen Rollen mit dem Ziel, eingefahrene Strukturen zu hinterfragen und künstlerisch auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten.

Die größte Herausforderung für die Erwachsenen bestand darin, den Prozess auszuhalten und sich bei der frühzeitigen Verortung und Bewertung von Ideen zurückzunehmen. Die größte Herausforderung für die Kinder bestand darin, sich von den Inhalten des Stückes zu lösen und eigene Ideen zu entwickeln. Für alle Beteiligten war es eine Herausforderung, wirklich miteinander ins Gespräch zu kommen.

Im Folgenden finden Sie einige Tipps und Hinweise für das Durchführen eigener partizipativer Theaterprojekte …

Theaterpädagogin Rabea Schubert spricht über Brückenwesen, Zeit und Geld

Folgende Punkte können helfen, ein ähnliches Projekt durchzuführen:

(Der vollständige Fragebogen und die Empfehlungen stehen zum Download am Ende der Seite bereit.)

 

Ein solches Projekt bietet viele Anknüpfungspunkte für die langfristige Einführung und Unterstützung von bereits angelegten partizipativen Arbeitsweisen im System Schule.

  • Wieviel Erfahrung haben Sie bereits in der Initiierung von partizipativen Prozessen?
  • Gibt es Strukturen in der Schule (Kinderkonferenzen, Klassenrat, …) oder im Theater (Kinderjury bei Festivals, Probenklassen, …), an die Sie anknüpfen können?
  • Warum wollen Sie überhaupt partizipativ arbeiten?
  • Was ist das Ziel?
  • Welches Stück vom Spielplan des Partnertheaters eignet sich besonders gut als Ausgangspunkt für das Projekt?
  • Welche Themen sind spannend für die Kinder und Jugendlichen?
  • Welche Schauspieler*innen und Regisseur*innen sind besonders offen und haben Lust, sich auf die Kinder einzulassen?

Ein partizipativer Prozess beinhaltet eine freie Arbeitsweise, an die sich auch Schüler*innen erstmal gewöhnen müssen. Deshalb braucht es im Rahmen eines partizipativen Prozesses Eckpfeiler zur Orientierung. Ein klar vorgegebenes Endproduckt wie ein Projekttag kann helfen.

Tipp: Im Rahmen der Vorgaben sollten Sie bewusst darauf achten, kreative Freiräume zu lassen.

Grundschüler*innen brauchen viel Zeit, um erst einmal zu verstehen, was sie sehen. Die Wahrnehmungsebene steht im Vordergrund.

  • Welche künstlerischen Formen regen die Schüler*innen dazu an, sich mit den Inhalten des Stückes immer wieder neu auseinanderzusetzen (Reenactment, Collagenarbeit, Traumreisen, Brief an die Großeltern, …)?
  • Wie wird aus den Abgeordneten eine Gruppe?
  • Wie können sich die Schüler*innen gegenseitig unterstützen?
  • Wie lernen Sie, ihre Ideen mutig zu präsentieren?
  • Wie können sich Kinder aller Altersgruppen einbringen?

Tipp: Nutzen Sie die Mittel des Theaters und spielen Sie soviel wie möglich mit allen Beteiligten.

  • Welche Formen des Publikmachens wichtiger Absprachen und Inhalte nutzen Sie normalerweise in der Schule (Newsletter, Gesamt-, Fach- und Jahrgangskonferenzen, Rundmails, Stellwände, schwarzes Brett, Jahresplan, …)?
  • Und welche dieser Formate funktionieren auch wirklich?

Tipp: Wenn über einen längeren Zeitraum in einer kleinen Gruppe gearbeitet wird, ist es wichtig, den Rest der Schule mitzunehmen. Achten Sie darauf, insbesondere bei den Übergängen zwischen den Phasen Ausschnitte aus der Arbeit zu zeigen.

Ein partizipativer Prozess braucht eine sehr gute Begleitung. Eingefahrene Arbeitsstrukturen müssen hinterfragt und verändert werden. Es braucht einen Reflexionsprozess über Rollen und Aufgaben, sowohl für die Schüler*innen als auch für die erwachsenen Teilnehmer*innen.

  • Was soll sich im Rahmen dieses Projektes verändern?
  • Welche Rollen nehmen die Beteiligten im Projekt ein?
  • Welche Aufgaben übernehmen sie?

Auch als Anleiter*innen sollten Sie sich Gedanken über Zielsetzung, Rolle und Aufgaben machen.

  • Warum ist es Ihnen wichtig, einen partizipativen Prozess zu initiieren?
  • Was wollen Sie erreichen?
  • Welche Rolle spielen Sie in diesem Prozess?

Ein wichtiges Themenfeld in der Auseinandersetzung zwischen den Systemen ist das Verhältnis von Kunst und Pädagogik.

  • Was steht für Sie im Vordergrund?
  • Wo bleibt die Kunst?
  • Welche Bewertungsmaßstäbe setzen sie für das Projekt an?

Die bestehende Hierarchie zwischen Lehrer*innen, Künstler*innen und Schüler*innen drückt sich auch in der gemeinsamen Sprache aus. Es ist wichtig, im Prozess Begrifflichkeiten genau zu hinterfragen und viel über die Bedeutung zu diskutieren.
Ein Beispiel ist da der Titel für die Rolle der Kinder im Projekt, die sehr bewusst erst als Abgeordnete und dann im Laufe des Prozesses als Expert*innen bezeichnet wurden. Mit dem Begriff Abgeordnete wollte das Projektteam unterstreichen, dass Beteiligung auch ein demokratischer Prozess ist.

Die Langsamkeit im Prozess auszuhalten, war in diesem Projekt eine der größten Herausforderungen. Beide Systeme – Theater und Schule – arbeiten sehr ergebnis- und bewertungsorientiert. Zeugnisse, Premieren, Kritiken prägen den Arbeitsalltag und auch den der Schüler*innen. Die auf Bewertung und Ertrag geschulten Erwachsenen laufen in so einem Prozess deshalb immer Gefahr, schnell doch alles in die Hand nehmen zu wollen. Den Prozess als künstlerisches Produkt zu sehen und alles Scheitern und jeden Umweg auszuhalten, bedeutet deshalb eine große Anstrengung.

Tipp: Ein begleitender Reflexionsprozess über den Umgang mit der inneren Ungeduld ist deshalb sehr wichtig.

Wenn die Ideen der Kinder wirklich umgesetzt werden sollen, heißt das für die beteiligten Organisationen, dass sie beispielsweise in der Personal- und der Zeitplanung sehr flexibel sein zu müssen.

  • Wie flexibel sind Sie in Ihren Organisationen?
  • Welche Formate müssen Sie vorgeben (Projektwoche, Projekttag, wöchentlicher Unterricht, …), damit das Projekt überhaupt stattfinden kann?

Im Rahmen von partizipativen Theaterprojekten ist es wichtig, die eigene Arbeit immer wieder zu hinterfragen. Die folgenden Fragen unterstützen dabei, im Organisationsstress das Wesentliche nicht aus dem Blick zu verlieren:

  • Welche Vorstellungen/Bilder habe ich von den Partizipierenden?
  • Welche partizipativen Zugänge wähle ich?
  • Welche und wieviel Verantwortung wird dabei den Kindern und Jugendlichen übertragen? Bis zu welchem Maß und für welche Bereiche ist das sinnvoll?
  • Wie schaffe ich künstlerische Qualität in meinem partizipativen Prozess?
  • Welche möglichen Erfahrungen können die Kinder und Jugendlichen in diesem Prozess machen – und welche eher nicht?

Die Fragen wurden entwickelt im Rahmen eines TUSCH-Workshops, angelehnt an die „Befragung der eigenen theaterpädagogischen Praxis“ nach Johannes Kup (wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin).

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Material

Downloadmaterial

Das Downloadmaterial unterstützt Sie dabei, Ihr eigenes partizipatives Projekt umzusetzen. Der Film dient als Anschauungsmaterial. Er lässt sich gut im Kollegium zeigen, um zu verdeutlichen, was Sie vorhaben. Auch für Schüler*innen oder Eltern kann er als Einstieg in die Projektarbeit dienen.

Der Phasenplan bietet eine Übersicht über den Projektverlauf und hilft, die einzelnen Schritte noch einmal zeitlich zu verorten.

Der Fragebogen mit den Empfehlungen hilft bei der Konzeption und Planung, fordert aber auch eine Auseinandersetzung über die eigene innere Haltung heraus.

Der Film zum Projekt (11 min)

Interessieren Sie sich auch für die freie Stückentwicklung mit Schüler*innen?

Hier finden Sie unser crossmediales Lehrbuch zum Thema.

Und hier geht es zurück zur Übersicht über alle Projekte und Formate des Kunstlabors Theater und von TUSCH – Theater und Schule Hamburg.

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